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Lyrik:

Tiefes Wasser, Gestrüpp


Kurzprosa:

Ein kleiner Kobold, Liebeslamm, Simons Prüfung, Saubere Wäsche, Letzter Angriff, Verzögerter Reflex, Mein Keller, Käuze am Küstrinchen, Der Feuerstern, Das Über-Ich

 

Roman:

Das Lächeln der Kriegerin


Tiefes Wasser

in: Die literarische Venus. Dorstener Lyrikpreis 2003, HW-Verlag, Dorsten 2003, ISBN: 3-932801-45-8

Trügerische Stille,
bodenlos, verräterisch,
dunkel, undurchdringlich,
kein Halt, kein fester Wille.

Tiefe weckt Gestalten,
monströse Kreaturen,
schleimig, unerquicklich,
und doch muss ich mich halten.


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Gestrüpp

in: Nationalbibliothek des deutschsprachigen Gedichtes, Ausgewählte Werke VI, Realis Verlags-GmbH, Gräfeling/München 2003, ISBN: 3-930048-44-2

Frei von Plänen gefangen im Gestrüpp der
Straßen treibe ich endlos und kopflos
watend im Nebel der toten Gesichter
suchend im Meer auf den Lippen das Wer

rettet mich der ich schleiche und gehalten
werde von Ketten mit trauernden Gliedern
schlepp ich mich ziellos bereisend die Nächte
dunkeln die Stadt des Betons und der Alten.

Frei von Hoffnung im Schimmer ich sehe
reckt zum Himmel sich letzte Laterne
einsam verlässt mich mein fliehender Schatten
Sehnsucht verfolgt ihn und aufwärts erspähe

ich Aphrodite ihr strahlend Gesicht
ich winde und strecke mich zu ihrem Licht
mit scharfen Dornen ihr grausames Lachen
freudig erwachendes Leben ersticht.

 

Auch zu lesen auf Der Verdichter.


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"Ein kleiner Kobold", in: Rostocker Auslese - Lesbühne 2004, Hrsg.: Johanna Michallik, BS-Verlag, Rostock 2005, ISBN: 3-89954-127-8

Als ich vor wenigen Tagen eine Lesung in einem gemütlichen Cafe besuchte, traf ich neben einigen Bekannten und vielen mehr oder weniger Gleichgesinnten auch auf eine Art kleinen Kobold. Hoch und aufrecht stand er da, der kleine Mann. Er war von schlanker Gestalt, die noch schlanker wirkte, da sie auf Arme und Beine, ja auf sämtliche Gliedmaßen verzichtete. Eine Bewegung war dem seltsamen Wesen daher nur möglich, indem es entweder auf seinem Rumpf langsam oder auch schnell von links nach rechts und umgekehrt pendelte – in dieser Bewegung traf ich ihn an – oder aber ein bis zwei seiner beiden faltigen Gelenke beugte und sich so nach hinten krümmte. Die Richtung dieser möglichen Verbeugung, die der eitle Kobold aber tunlichst unterließ, machte es schwer zu entscheiden, ob er sich eben einfach so weit nach hinten beugen konnte oder ob er einem doch den Rücken zukehrte, was bedeuten musste, dass sein Gesicht am Hinterkopf angebracht war. Dieses ausdruckslose Gesicht war kaum als solches zu bezeichnen, denn anders als die meisten mir bekannten Gesichter verfügte es, platziert auf dem haar- und halslosen Schädel, weder über Augen noch über Nase oder Mund. Man hätte behaupten können, die flache Stirn ginge direkt in das Kinn über, wäre ein solches auszumachen gewesen. Dabei waren diese äußerst schwach ausgeprägten Gesichtszüge das einzig Harte am Kopf des kleinen Kerls – für den ansonsten durchaus die Bezeichnung Weichbirne angebracht schien – denn sie wurden von einer Art natürlichem Helmvisier – freilich ohne Helm – aus durchsichtigem Horn bedeckt.

...

Prof. Hellmuth Karasek zu diesem Text: "Das ist Präzision durch Negation, jemanden kenntlich machen durch
Unkenntlichkeit."

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Liebeslamm

in: Mord à la Carte, Hrsg Andreas May, Edition Ponte Novu, Coti Chiavari, Corse 2003, ISBN: 3-8330-1007-X (nicht mehr lieferbar)

Alles war gut vorbereitet. Heute konnte und sollte nichts schief gehen. Meine Aufregung war in den vergangenen Wochen kontinuierlich gestiegen und hatte inzwischen ein Ausmaß erreicht, das es mir in der letzten Nacht unmöglich gemacht hatte, auch nur eines meiner beiden ruhelosen Augen zu schließen. Grund für diesen Zustand waren eine Reihe äußerst günstiger Umstände, die zu dieser einmaligen und von mir nicht im Traum erhofften Gelegenheit geführt hatten. Heute würde Alissa zum Abendessen kommen.

Lammkeule unter fließend kaltem Wasser waschen und gut trocken tupfen.

Mir war klar, dies würde die beste Möglichkeit für mich sein, sie von meinen Vorzügen zu überzeugen. Denn die lagen vor allem in der Küche. Natürlich war und bin ich der Ansicht noch weitere positive Eigenschaften zu besitzen, doch keine davon scheint wirklich geeignet, das weibliche Geschlecht auf Anhieb nachhaltig zu beeindrucken. Wie mir meine liebe Schwester schon vor Jahren bestätigt hatte, war ich rein äußerlich eher ein Durchschnittstyp. Die Auswahl meiner Klamotten machte mir weder Spaß, noch hatte ich dafür ein besonders gutes Händchen, was die kleine Schwester bei jeder unserer Begegnungen bemängelte. Meine seltenen und unbeholfenen Bewegungen auf den Tanzflächen der Stadt hätten einen gnädigen und äußerst fähigen DJ gebraucht, der ihnen das Tempo der Musik hätte angleichen können. In lustiger Runde mit Freunden reichten meist wenig mehr als zwei halbe Liter Pils, um mir gemütlich die Kontrolle zu entziehen. Dass ich mir Witze nicht merken konnte, machte wenig, denn mir fehlte auch das Talent sie zu erzählen. Da mir als Student auch finanziell keine großen Reserven zur Verfügung standen, blieb mir nur das Kochen. Ich war zwar kein Sterne-Koch, doch hatten Leidenschaft und Notwendigkeit mit den Jahren meine
Fähigkeiten im Umgang mit Pfannen und Töpfen stetig verbessert.

Knoblauch schälen und fein würfeln.

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Simons Prüfung

in: Hexe, Vampir & Magier, INTRAG Publishing, Los Angeles 2004, ISBN: 0-972-74324-3 (nicht mehr lieferbar)

Im letzten Winter aber, sieben Tage nach dem Neujahrsfest, geschah etwas, was Simon für die Antwort auf seine Fragen hielt. Man hatte ihn zum Holzsammeln in den verschneiten Wald nahe des Dorfes geschickt, wo er von einem Rudel grimmiger schwarzgescheckter Waldköter gestellt und eingekreist wurde. Im letzten – oder vorletzten – Moment trat jedoch ein alter Mann zwischen den Bäumen hervor. Er trug einen weiten grauen Umhang, einen Wanderstab, einen kleinen Wanderrucksack und eine lange rote Bommelmütze. In aller Ruhe stellte er sich als der Zauberer Chappi vor – ein Name, der nur dem heutigen Leser seltsam erscheinen mag – und nahm selbstlos den Kampf gegen die wilden Köter auf, während sich Simon auf einen Baum rettete und dankbar dem Schauspiel folgte. Nachdem die Bestien gesättig und abgezogen waren, griff sich der Junge den verschonten Wanderstab und den Rucksack, in dem sich zu seiner Freude ein echtes Zauberbuch befand, und kehrte fröhlich und sowohl dem Zauberer, als auch den Waldkötern dankend zum Dorf zurück. Den Rest des Winters und das ganze Frühjahr übte er sich heimlich in der Zauberei – was zu kleineren und größeren ungeklärten Katastrophen in Hìrn’Lôs führte – und war bald überzeugt, seine Locke sei ein Beweis für sein magisches Talent. Auch beschloss er, seine Fähigkeiten müssten auf der großen Zauberschule nahe Ûnî vèr Cìtî geprüft und geschult werden. So machte er sich am ersten Mai auf, um zunächst den Sparstrumpf seines ungeliebten Großvaters zu stehlen – der nicht gerade unglaubliche Schätze barg, doch reichte es um in den Gasthäusern unterwegs Mahlzeit und Schlafstatt zu begleichen – und dann mitsamt Zauberbuch, Stab, Rucksack und den gelegentlichen Katastrophen in Richtung Ûnî vèr Cìtî aufzubrechen.

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Auch enthalten in: Philipp Bobrowski, "Des Boten Prüfung", ISBN: 978-3-940921-60-4

Des Boten Prüfung_Cover

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Saubere Wäsche

in: Futter für die Bestie, Hrsg. Andreas Schröter, Schreiblust Verlag Andreas Schröter, Dortmund 2004, ISBN: 3-9808278-3-6

Er arbeitete sich durch die vormittäglichen Wiederholungen und konnte in einer Quizsendung miterleben, wie eine ältere Dame eine neue Waschmaschine gewann. Dann verfolgte er in einer Gerichtsshow mit außerordentlich schlechten Darstellern einen Streit, in dem ein Waschsalonbesitzer eine junge Frau verklagte, weil sie eine Partyorgie auf seinen Maschinen abgehalten habe. Nebenbei lauschte er immer wieder auf die Geräusche aus dem Bad. Lange Zeit das unregelmäßig an- und abschwellende, die Trommel antreibende Motorbrummen, zwischendurch das regelmäßige Schnaufen der Pumpe, wieder der Motor, wieder die Pumpe, dann das mehrmalig sich steigernde und wieder abfallende Düsenpfeifen nach dem Ende des Spülgangs, das sich schließlich, nach einem weiteren Abpumpvorgang, beim Schleudern wiederholte und gar noch verstärkte.
Als es endlich still geworden war, holte Bodo seinen Wäschekorb, um sofort das Ergebnis zu begutachten und die hoffentlich wunderbar sauberen Stücke aufzuhängen. Tatsächlich hatte er das Gefühl, dass seine Shirts und auch die Socken nach der Kurzwäsche im Waschsalon nie so frisch ausgesehen und geduftet hatten wie nach der Behandlung durch seinen neuen Zauberkasten. Wie bereits vor dem Waschgang zählte er die Stücke einzeln in den Wäschekorb. So hatte er es sich im Waschsalon angewöhnt, um nicht versehentlich etwas in den riesigen Maschinen zu vergessen. Eines fehlte. Bodo schaute erneut in die Trommel, drehte sie von Hand, steckte fast den Kopf hinein. Nichts. Wahrscheinlich hatte er sich verzählt. Er beschloss, beim Aufhängen noch einmal zu zählen.
Danach ließ sich eindeutig sagen, dass einer seiner blauen Sportsocken verschwunden war. Eigentlich war das unmöglich.

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Letzter Angriff

in: Gluthitze, Hrsg.: André Restau, Edition Ponte Novu, Coti Chiavari, Corse 2004, ISBN: 3-00-013040-3 (nicht mehr lieferbar)

Löwenherz schaffte es sich in den nächsten vier Runden auf eine Sekunde heranzuarbeiten. In der folgenden Runde trieb er den MacHurri regelrecht durch die S-Kurven gegenüber von Start/Ziel. Der Hammer, der von innen gegen seine Schädeldecke schlug, schien mit jedem Meter größer und schwerer zu werden. Als sei die Hitze von außen nicht genug, rauschte das Blut durch seine Adern und brachte den Körper endgültig zum Kochen. Nicht die Nerven verlieren! Den Gegner genau beobachten! Wo bieten sich Möglichkeiten vorbeizuziehen? Micha machte sich breit, fuhr Kampflinie. Dunlop – keine Chance! Degner – keine Chance!
Haarnadel, Spoon, Schikane – keine Chance! Raus auf Start/Ziel! Wieder: auf der Geraden kein Rankommen! Micha bremste absolut am Limit. Später konnte man nicht bremsen! Und er machte keinen Fehler! Richard zeigte sich mal innen, mal außen. Sein Rivale schien jedes Mal zu ahnen, was er vor hatte. Auch in der neunundvierzigsten Runde. Zwei noch! Jetzt verfluchte er seine Abstimmung, die ihn bis hierher gebracht hatte, ihm jetzt aber nicht weiterhalf.
„Bleib ruhig! Warte auf deine Chance! Du schaffst das schon noch!“
Claude hatte gut reden! Er saß ja nicht mit Fieber und Kopfschmerzen in diesem Kochtopf! Jetzt vielleicht! Nein, reicht nicht! Sein Kopf drohte zu zerspringen. Der Mund staubtrocken. In der Flasche war lange nichts mehr. Wieder die Steigung. Zum vorletzten Mal! Er versuchte die Schmerzen aus seinem Kopf zu verdrängen. Nur noch ans Gewinnen denken! Er wollte gewinnen. Musste gewinnen! Den Titel holen! Endlich den Traum wahrmachen! Nur noch an dem Idioten vorbei.

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Verzögerter Reflex

in: Rostocker Auslese – Lesbühne 2004, Hrsg.: Johanna Michallik, BS-Verlag, Rostock 2005, ISBN: 3-89954-127-8

Der Benzinmotor grummelte gierig und ich setzte die Sense probeweise an einer freistehenden Nessel an. Sie widerstand mühelos. Ich hob mein Arbeitsgerät ein wenig an und musste feststellen, dass sich die Messer nicht bewegten. Ich stellte den Motor ab und begutachtete das Schneidwerkzeug. Fluchend suchte ich mit der rechten Hand zu ergründen, wo das Problem lag, als die Schneiden sich ihrer Aufgabe erinnerten und mit fehlendem Motorgeräusch, nur mit einem leichten Surren der Luft, unterbrochen durch das Krachen der Gelenkknochen, ihren Dienst aufnahmen.
Das war wirklich allerhand. Meine linke Hand ließ die Sense fallen. Ich betrachtete den Stumpf zu meiner Rechten. Er gefiel mir nicht. Auch wurde mir sofort bewusst, dass es für einen Gärtner mit nur einer Hand – noch dazu der linken – schwer werden dürfte, eine neue Anstellung zu finden. Auch als Mörder. Beides war vor allem Handarbeit und zwei gesunde Hände gehörten zum Handwerkszeug.
Die Hand musste also wieder dran. Ich sah meine Rechte eben noch linkerhand in den Brennnesseln verschwinden. Schöne Scheiße. Das brennt doch. Es war mir schon öfter aufgefallen, dass meine Hände nicht immer das machten, was ich wollte, gelegentlich sogar den Dienst versagten. Aber meine rechte schien besonders eigensinnig zu sein und ich fürchtete, sie könne mir abhanden kommen.

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Vollständig zu lesen auf prosanova.de

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Mein Keller

in: Rostocker Auslese – Lesbühne 2004, Hrsg.: Johanna Michallik, BS-Verlag, Rostock 2005, ISBN: 3-89954-127-8

Mein Keller ist mein Keller. Niemand außer mir hat das Recht, ihn zu betreten. Nicht jeder möchte es. Viele haben es schon versucht. Manche erhaschen einen kurzen Blick. Doch den wenigsten gewähre ich einen tieferen Einblick.
Selbst ich kenne nicht all seine verwinkelten Ecken und unergründlichen Tiefen, werde wohl nie jeden Winkel aufspüren können. Denn er ist groß und er reicht weit hinab. So bleibt er immer offen für neue Überraschungen und verschließt sich dem suchenden Blick.
Ja, verschlossen ist er, mein Keller, gut verschlossen. Nur ich habe den Schlüssel, der nicht immer passt und den ich oft nicht finde. Habe ich ihn bei mir, bin ich nicht immer sicher, ihn zu benutzen. Will ich ihn benutzen, fehlt mir hin und wieder die Sicherheit im Umgang mit ihm. Die Handhabung ist kompliziert.
Gelingt es mir, den Schlüssel im Schloss in der richtigen Weise zu betätigen, zögere ich meist, den ersten Schritt zu tun. Mal einen kurzen Moment, mal eine ganze Weile stehe ich dann vor der aufgeschlossenen Tür, bevor ich langsam die Klinke hinunterdrücke und die Tür so weit öffne, dass ich durch den entstandenen Spalt schlüpfen kann.
Nie weiß ich dann genau, was mich erwartet. Mal stehe ich einfach vor einer Wand, mal vor einer weiteren Tür, mal in einer dunklen Kammer, dann wieder in einem weiten Saal, den ich trotz seines trügerisch hellen Lichts kaum überblicken kann. Es kommt vor, dass ich nichts finde als einen absolut leeren Raum. Hier kann ich vieles hineinstellen, doch ob es dauerhaft dort bleibt und ob ich es je wiederfinde, wage ich nie vorauszusehen. Manchmal stürzen tausende von Dingen auf mich ein, die es mir unmöglich machen, sie zu ordnen. Selten finde ich mich zurecht.

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"Käuze am Küstrinchen"

 

in: Geschichtenweber: Schatten des Jenseits, Hrsg.: Maike Schneider, Web-Site-Verlag, Ebersdorf 2005, ISBN: 3-935982-06-2

 

Nach der Zigarette tasteten wir uns weiter – noch langsamer. Die Bäume am Uferrand spielten uns einen Streich nach dem anderen, verpassten uns diverse blaue Flecke und immer wieder Kopfschmerzen. Ich war froh, an zweiter Stelle zu gehen, nicht zuletzt weil mir Thomas so, wenn er wieder einmal über die Uferböschung gestolpert war, ungefähr angeben konnte, wo der Bach eine Biegung machte. Noch immer verhakten sich die Boote regelmäßig im Gestrüpp.

Ich war gerade damit beschäftigt, die Bootsspitze aus einem Wurzelgeflecht zu befreien, als ich eine Hand im Nacken spürte. Ich hoffte zumindest, dass es eine Hand war, denn eine Klaue oder Pranke würde sicher den größeren Ärger bedeuten. Ich wagte nicht, mich umzudrehen. Wahrscheinlich hätte ich sowieso nichts gesehen und aus irgendeinem irrationalen Grund fürchtete ich plötzlich, doch etwas zu erblicken, das ich gar nicht sehen wollte.

„Thomas?“, flüsterte ich zweifelnd.

Keine Antwort. Ich verhielt mich ganz still, von einem heftigen Zittern einmal abgesehen, während die Hand – oder was auch immer – begann, mich vom Nacken abwärts zu betasten. Beinahe erwartete ich, hinter mir einen unmenschlichen Laut zu hören. Ich versuchte fieberhaft, den Mut aufzubringen, mich umzudrehen und die Monsterhand zu packen. Als sie drohte, mir ans Gesäß zu fassen, wurde es mir zu viel. Ich schrie auf und schwang mich herum. Die Hand zuckte kurz zurück und fasste mir dann ins Gesicht.

 

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"Der Feuerstern"

 

in: Geschichtenweber: Wildes Land, Hrsg.: Timo Bader, Jürgen K. Brandon, Web-Site-Verlag, Ebersdorf 2005, ISBN: 3-935982-39-9

 

Obwohl sie ihren geheimen Ort heute später als gewöhnlich erreichten, wurde er noch von den letzten Strahlen der Sonne beschienen. Doriel sprang vom Pferd und lief kreuz und quer über die Lichtung. Bei diesem Anblick vergaß Thoron die verletzenden Worte Lhars. Er jagte ihr hinterher und es dauerte eine ganze Weile, bis er das erschöpfte Mädchen endlich eingefangen hatte. Sie ließ sich rücklings in das saftige Gras fallen.
„Bleib du hier liegen, Dor. Ich werde dir einen Strauß bunter Waldblumen pflücken, der dich meiner Liebe versichern soll.“ Er schlenderte zum Rand der Lichtung und begann zwischen Bäumen und Sträuchern zu suchen.
„Beeil dich“, rief Doriel noch immer ganz außer Atem. „Es wird bald dunkel, dann müssen wir zurück.“
„Sieh, was ich gefunden habe“, antwortete Thoron nur. Er lief zu ihr hin und zeigte ihr eine zarte Blüte, die wie ein Stern geformt und von kräftig roter Farbe mit hellgelben Streifen war.
„Ein Feuerstern“, rief  Doriel und klatschte in die Hände. „Seit ich ein kleines Kind war, habe ich keinen mehr gesehen. Wo hast du ihn gefunden?“
„Dort, bei dem Gebüsch. Er macht sich sicher prächtig in deinem schwarzen Haar. Ich werde sehen, ob ich noch weitere finde.“

Thoron begab sich wieder zum Rand der Lichtung, doch als er sich umschaute, leuchtete der Feuerstern in den Haaren seiner Geliebten und wurde nur überstrahlt von dem dankbaren Lächeln, das sie ihm schenkte. Er konnte sich kaum von ihrem Anblick lösen, da traf ihn etwas Hartes am Hinterkopf. Augenblicklich sackte er zusammen und es wurde schwarz um ihn.

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"Das Über-Ich"

 

in: Geschichtenweber: Optatio Onyx, Hrsg.: Timo Bader, Web-Site-Verlag, Ebersdorf 2005, ISBN: 3-935982-39-9

 

»Wann bist du gestern ins Bett gekommen?« Isabell sprach mit leiser Stimme, während sie Adrian Kaffee einschenkte. Ihre Augen verrieten, dass sie geweint hatte.
Nun weißt du, wer die Hosen anhat
, dachte Adrian, legte sich eine Scheibe Schinken auf die eine Hälfte seines Brötchen, klopfte mit dem Messerrücken sorgfältig, einen halben Zentimeter unterhalb der Spitze, die Schale des Frühstückseis auf, pellte die aufgebrochene Hülle mit Daumen und Zeigefinger in den Eierbecher, hob die Spitze mit seinem roten Plastiklöffel ab, fügte ein wenig Salz hinzu, bevor er sie genüsslich in den Mund steckte, nahm einen Bissen vom Brötchen und antwortete dann: »Spät.«
Isabell schluchzte vernehmlich. »Das weiß ich. Ich habe die ganze Nacht wach gelegen.«
»Warum fragst du dann?«
»Was ist denn auf einmal mit dir los?«, rief sie.
Adrian hatte keine Lust, seine Stimme anzustrengen. Er bestrich die zweite Brötchenhälfte mit Honig. »Was soll los sein?«
»Gestern war das erste Mal, dass du mir keine Kleinigkeit von einer Reise mitgebracht hast. Ich meine, der Mantel ist wirklich toll, aber so eine Kleinigkeit, als Ausdruck deiner Liebe ...«
Adrian schwieg. Liebevoll leckte er den restlichen Honig vom Messer.
»Und zum ersten Mal habe ich keine Blumen von dir bekommen.«
Richtig. Die Blumen hatte er ganz vergessen. »Was regst du dich so auf? Du hast doch selbst gesagt, ich solle sparen.«
»Liebst du mich denn nicht mehr?«
»Dich? Immer geht es nur um dich. Die ganzen zwei Jahre unserer Ehe. Und davor auch schon. Dein Wille geschehe. Ich arbeite für dich, ich beschenke dich, koche für dich und mache den Haushalt. Nein, ich lasse mich nicht mehr ausnutzen. Es ist an der Zeit auch mal an mich zu denken. Und jetzt will ich frühstücken. Schließlich ist Sonntag. Also quassel nicht so unsinniges Zeug.«

Isabell sprang auf. Ihr Mund stand offen. Wieder mal, dachte Adrian. Sie haute mit ihrer zierlichen Faust auf den Tisch, blieb noch einen Moment stehen, fuhr sich dann mit derselben Hand durch ihr kastanienbraunes Haar, doch als er nicht reagierte, rannte sie aus der Küche. Adrian hörte die Wohnungstür zuschlagen. Endlich Ruhe.
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"Das Lächeln der Kriegerin"

Ein Fantasy-Roman, Hinstorff, Rostock, März 2008, ISBN: 978-3356012354


„Versteht Ihr nun?“ Rochon sprach jetzt sehr leise. „Jemand muss den Grafen und die Königin warnen, bevor ganz Laindor in die Hände des Feuermeisters fällt.“
„Wer sagt euch, dass er es auf das ganze Land abgesehen hat?“ Die Stimme ihrer Mutter ließ Lothiel erschauern. Und auch in Naneth’ Augen, die weiter des Reiters Wunde fixierten, sah sie eine Resignation, wie sie sie der starken Frau niemals zugetraut hätte.
„Wäre es nicht Grund genug“, antwortete Rochon, „das Leben der Rimgarder zu retten? Doch ich sage Euch, niemand würde ein Heer solcher Größe ausrüsten, nur um eine einzelne Stadt einzunehmen. Und niemand würde Rimgarth angreifen, ohne zu wissen, dass er damit Laindor den Krieg erklärt.“
„Dann müssen wir hoffen, dass die anderen Reiter einen Weg aus dem Kessel gefunden haben“, sagte Naneth in beinah flehendem Ton.
„Darauf darf ich mich nicht verlassen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ich der Einzige bin, der es so weit geschafft hat. Endet es hier, habe ich versagt.“
„Die Kunde wird sich unter den Bauern verbreiten.“
„Bis Arminas ist es weit.“
„Das ändert nichts“, sprach nun Adar, der sich aufgesetzt hatte. „Ihr selbst könnt nicht weiterreiten und ich kann es, wie Ihr seht, auch nicht. Es erregt mich nicht weniger als Euch. Ich kämpfte in den Grenzkriegen und erkenne die Gefahr. Doch wir können nichts tun.“
„Gibt es keinen Knecht auf dem Hof?“
„Wir sind allein“, antwortete Naneth. Ihre Stimme klang noch immer sorgenvoll, doch auch ein wenig erleichtert. „Ich kann Euch pflegen, so gut es mir möglich ist, damit Ihr, sobald es Euer Zustand zulässt, weiterreiten könnt.“
„Das wird zu spät sein!“ Lothiel richtete sich auf. Ohne jemanden anzusehen, spürte sie, dass sich ihr die Eltern und Rochon zuwandten. „Ich werde reiten!“ Nun schaute sie ihren Vater an.
Er erwiderte ihren Blick.
„Das ist zu gefährlich, Kind“, sagte Naneth.
Lothiel antwortete ihr nicht. Ihr Blick ruhte auf Adar.
„Und wir brauchen dich hier. Ich kann die Arbeit nicht allein bewältigen“, beharrte die Mutter. Der Vater schwieg.
„Mutter, Nana, zählt die Arbeit auf dem Hof mehr als die Rettung Laindors?“
Naneth senkte die Augen.
„Also lasst mich reiten, Vater.“
„Nein!“, widersprach Adar.
Lothiel spürte einen Stich im Herzen. Sie unterdrückte die Enttäuschung. Einen Augenblick zögerte sie, bevor sie fragte: „Hättet Ihr einen Sohn, würdet Ihr ihn reiten lassen?“
Naneth stieß einen überraschten Ruf aus. Auch Adar war sein Erstaunen deutlich anzusehen. Dann senkten sich seine Brauen wieder und einen Moment lang verharrte er in unbewegter Miene. „Ja, das würde ich.“
„So lasst mich diesen Sohn ersetzen und für ihn reiten.“
Wieder schwieg Adar.
„Sie hat recht, Adar“, sagte Naneth plötzlich. „Sie ist klug und geschickt mit dem Bogen. Sie wird auf sich aufpassen können. Und wenn es der einzige Weg ist, solltest du sie reiten lassen.“
Lothiel sah dankbar zu ihrer Mutter.
„Nein!“, erwiderte Adar. „Nein, das ist nicht nötig.“
Lothiel schaute ihn verwundert an. Vater lächelte. Und sie glaubte Stolz in seinen Augen zu sehen.
„Ich vertraue dir, Lothiel. Du wirst immer dein Bestes tun. Doch wir brauchen dich auf dem Hof.“
„Aber …“
„Du wirst die Botschaft an dich nehmen, jedoch reitest du nicht nach Arminas, sondern nach Waldruh. Du wirst die Leute des Dorfes warnen und es wird sich jemand finden, der die Botschaft weiterträgt. Vielleicht ist man dort längst alarmiert und es sind bereits Boten unterwegs. Vielleicht wirst du schon an der Oststraße umkehren können. Dann wissen wir, dass wir hoffen können. Doch ich bitte dich: Sei in jedem Fall vorsichtig!“

* * *

Der Weg nach Waldruh bot kaum Abwechslung. Sie ritt die meiste Zeit durch Mischwald, der sich nur selten lichtete. Es war im Grunde derselbe Wald, der auch die Lichtung umschloss, auf der Lothiel mit ihren Eltern lebte. Nördlich und südlich der Straße reichte er bis an die Grenzberge im Osten heran, wo er bei den Siedlungen der Menschen durch tiefe Einschnitte unterbrochen wurde.
Lothiel hatte nicht viel Sinn für ihre Umgebung. Gern hätte sie den Ritt auf diesem herrlichen Pferd genossen. Doch ihr schwirrten viele andere Gedanken durch den Kopf. Sie musste an Rochon denken. Daran, wie sie ihn gefunden hatte, an seine blutenden Wunden und an seinen Bericht vom Angriff auf die Grenzfeste. Wie es den Menschen dort jetzt wohl erging? Wie kam der gute Meister Cennan mit der Belagerung zurecht? Er hatte sicher nicht damit gerechnet, auf seine alten Tage noch einmal einen Krieg miterleben zu müssen. Und was war mit Gilborn? Hoffentlich ging es ihm gut. Sie wollte sich gar nicht ausmalen, was ihm zustoßen konnte, wenn nicht bald Hilfe einträfe. Würde sie ihn, ihren ersten Freund, gleich wieder verlieren?
Plötzlich wurde Lothiels Aufmerksamkeit doch auf die Umgebung gelenkt. Es roch nach Feuer. 

 

...

 




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